Was ist das?
Herstellung einer Lichtquelle aus festem tierischem Fett (Talg) oder Wachs (Bienenwachs, später Stearin, Paraffin). Die beiden traditionellen Techniken sind das Tauchen (der Docht wird wiederholt in das geschmolzene Material getaucht, und die Kerze verdickt sich Schicht für Schicht) und das Gießen (der Docht wird mittig in einer Form gespannt und die Schmelze darum herum gegossen).
Wofür ist es gut?
Beleuchtung ohne Strom: eine tragbare, steuerbare Lichtquelle, die jahrelang hält. Es verwertet auch das Fett eines geschlachteten Tieres (denselben Talg, aus dem Seife hergestellt wird), was es zu einem klassischen Haushalts- und Tauschprodukt macht. Bienenwachskerzen sind ein wertvolles Nebenprodukt der Imkerei.
Die Physik dahinter
Eine Kerze verbrennt nicht das feste Wachs selbst: Die Hitze der Flamme schmilzt die Oberseite der Kerze, das flüssige Wachs steigt durch Kapillarwirkung zwischen den Fasern des Dochtes auf, wird durch die Flammenhitze verdampft und verbrennt als Dampf. Daraus folgt die wichtigste Größenregel: Der Docht muss zum Durchmesser der Kerze passen. Ein zu dünner Docht erzeugt eine kleine Flamme, die nicht die gesamte Oberfläche schmelzen kann – die Kerze brennt einen Tunnel in ihrem Kern, und die Flamme ertrinkt im Schmelzbad. Ein zu dicker Docht saugt mehr Wachs auf, als sauber verbrennen kann – die Flamme rußt und die Kerze tropft.
Beim Tauchen ist die Schmelztemperatur der kritische Parameter: Ist sie zu heiß, schmilzt sie die bereits aufgebauten Schichten wieder ab, und die Kerze verdickt sich nie; ist sie zu kalt, wird eine klumpige, schlecht haftende Schicht abgelagert. Bienenwachs schmilzt bei etwa 62–65 °C (144–149 °F), Talg darunter – die richtige Tauchtemperatur liegt über dem Schmelzpunkt, aber nicht viel. Zwischen den Tauchgängen muss jede Schicht aushärten können.
Geschichte
Die Talglichterkerze ist seit der Antike bekannt; Bienenwachs war immer teurer, so dass es lange Zeit die Beleuchtung von Kirchen und Wohlhabenden blieb, während das einfache Volk seine Häuser mit Talg (oder mit noch einfacheren Binsenlichtern und Öllampen) beleuchtete. Im Mittelalter hatten Talgkerzenzieher und Wachszieher ihre eigenen getrennten Zünfte. Das 19. Jahrhundert brachte die großen Sprünge: Nach Chevreuls Fettsäureforschung kam Stearin (härter, nicht ranzig werdend, besser riechend als Talg); dann der geflochtene Docht, der sich beim Brennen seitlich krümmt und sich selbst verzehrt – wodurch die ständige Notwendigkeit des Löschens (Kürzen) des Dochtes entfiel; und schließlich, aus der Erdölindustrie, billiges Paraffin, das bis heute die Grundlage industrieller Kerzen bildet.
Einfache Version
Die getauchte Talglichterkerze: Den gereinigten Talg in einem tiefen, schmalen Gefäß über einem Wasserbad schmelzen, den Docht an einen Stock binden und rhythmisch tauchen – einige Sekunden eintauchen, herausheben, warten, bis die Schicht aushärtet, dann erneut tauchen. Wiederholen, bis der gewünschte Durchmesser erreicht ist, dann den Boden flach trimmen.
Fortgeschrittene Version
Die gegossene Kerze: eine Zinn-, Glas- oder Holzform (heute Silikon), wobei der Docht entlang der Achse der Form gespannt wird (durchgefädelt oder am Boden befestigt, oben an einem Stock gebunden) und die Schmelze vorsichtig eingegossen wird; beim Abkühlen die Schrumpfmulde mit weiterer Schmelze auffüllen. Eine Materialverbesserung ist Bienenwachs oder eine Talg-Bienenwachs-Mischung (eine härtere, langsamer brennende Kerze). Zum Tauchen ermöglicht ein Tauchrahmen das gleichzeitige Eintauchen vieler Dochte, so dass Kerzen dutzendweise hergestellt werden.
Industrielle Version
Stearin- und Paraffinkerzen mit standardisierten geflochtenen Dochten; kontinuierliche Produktion: Gießmaschinenlinien mit Kolbenausstoß und kontinuierliche Ziehkerzenmaschinen, die den Docht über viele Zyklen durch ein Schmelzbad führen und dann den fertigen „Stab“ auf Länge schneiden. Die Webart und Imprägnierung des Dochtes sowie die Zusatzstoffe in der Wachsmischung sind präzise auf die Flammengröße abgestimmt.
Selbstbau
- Talg ausschmelzen: Das rohe Fett fein hacken und bei geringer Hitze mit etwas Wasser ausschmelzen – das Wasser verhindert das Anbrennen. Abseihen (Grieben und faserige Teile entfernen) und erstarren lassen: Der saubere Talg kann von der Wasseroberfläche gehoben werden. Für eine gründlichere Reinigung den Schmelz-Abseihe-Erstarrungs-Zyklus wiederholen.
- Docht: Geflochtener Baumwolldocht ist am besten; gedrehte Baumwollschnur funktioniert notfalls, muss aber während des Brennens gekürzt werden. Eine traditionelle Vorbehandlung des Dochtes (Einweichen in einer Salz- oder Boraxlösung, dann Trocknen) hilft ihm, gleichmäßiger zu brennen.
- Schmelzen: Immer über einem Wasserbad – Fett und Wachs können über offener Flamme überhitzen und sich entzünden.
- Tauchen: Den Docht 2–3 Sekunden eintauchen, herausheben, die Schicht aushärten lassen, wiederholen. Nach dem ersten Tauchgang den Docht straff ziehen, solange er noch weich ist. Wenn der Docht über einen Stock gelegt wird, so dass er auf beiden Seiten herunterhängt, können Kerzen paarweise getaucht werden.
- Fertigstellung: Den Boden flach trimmen, den Docht kurz schneiden (etwa eine Fingernagellänge) und an einem kühlen Ort lagern – Talglichterkerzen verbiegen sich bei warmen Bedingungen und können mit der Zeit ranzig werden.
Häufige Fehler
- Schmelze zu heiß – jeder Tauchgang schmilzt die vorherigen Schichten ab, und die Kerze verdickt sich nie
- Zu schnelles Tauchen, ohne Abkühlpausen – dicke, tropfende, ungleichmäßige Schichten
- Falsche Dochtgröße für den Durchmesser – eine ertrinkende Flamme oder eine rußende, tropfende Kerze
- Ungereinigter Talg – raucht, riecht schlecht, wird schneller ranzig
- Wasser im Fett zurückgelassen – die fertige Kerze spritzt und spuckt beim Brennen
- Ein lockerer oder außermittiger Docht beim Gießen – eine Seite der Kerze brennt schneller ab
- Wachs über offener Flamme ohne Wasserbad geschmolzen – Überhitzung, Brandgefahr
Wie man misst
Brenngeschwindigkeit (Massenverlust in Gramm pro Stunde – mit einer Waage), gesamte Brenndauer, Beobachtung der Flammenhöhe und -stabilität (Flackern, Rußen), ein Tropftest an einem zugluftfreien Ort und Härtevergleich bei verschiedenen Talg-/Bienenwachs-Mischungsverhältnissen. Diese ermöglichen es, die Dochtgröße und die Materialmischung anzupassen.
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Quellen
- Traditionelle Kerzenherstellung durch Tauchen und Gießen – Zunft- und Volkspraxis
- Fortschritte des 19. Jahrhunderts: Stearin (nach M. E. Chevreuls Fettsäureforschung) und der geflochtene, selbsttrimmende Docht